Dienstag, 15. Oktober 2019

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18. September 2019

Lernen & Wissen | Therapeutische Fortbildung: Wissen, was wichtig ist

Lernen & Wissen | Therapeutische Fortbildung: Wissen, was wichtig ist
Foto: AdobeStock/jd-photodesign

Autor: D. Benjamin Alt

Lebenslanges Lernen ist für Therapeuten unabdingbar, um Patienten immer eine bestmögliche  Behandlung nach aktuellem Wissensstand gewährleisten zu können. Das VPTMAGAZIN befragte  VPT-Justiziar D. Benjamin Alt zum Thema Fortbildungen. Wir wollten wissen, was Therapeuten Rechtliches im Jahr 2019 beachten sollten.

Im Serviceteil des VPTMAGAZINs findet sich der Fortbildungskalender der VPT-Landesgruppen. Für die meisten Fortbildungen werden Fortbildungspunkte (FP) vergeben. Was hat es damit auf sich?

D. Benjamin Alt: Vor mehreren Jahren wurde durch die gesetzlichen Krankenversicherungen eingefor dert, dass auf Seiten der Therapeuten eine Qualitätssicherung betrieben werden soll. Die Qualitätssicherung sollte dazu beitragen, höhere Preise für die Therapie zu begründen, jedoch sollten die Praxen nicht zu sehr belastet werden. Deshalb verständigte man sich auf das System der Fortbildungspunkte. In einem Betrachtungszeitraum von 4 Jahren muss somit der Praxisinhaber 60 FP erzielen. Sofern eine fachliche Leitung beschäftigt wird, muss die fachliche Leitung die FP nachweisen können. Sofern Krankenkassen Kontrollen durchführen und feststellen, dass im Betrachtungszeitraum nicht ausreichend Fortbildungs-punkte erzielt wurden, kann dies dazu führen, dass mehr als 10% der Vergütung der Praxis von den Kassen abgezogen wird, was zu erheblichen Einkommenseinbußen führen würde. Nach einem Vorweisen der Punkte würde dann wieder die vollständige Vergütung gezahlt werden. In den ersten Betrachtungszeiträumen fanden derartige Prüfungen nicht statt. Der nächste Betrachtungszeitraum endet am 31.12.2019. Bis dahin müssen also Therapeuten in den 4 Jahren vor dem 31.12.2019 insgesamt 60 FP erzielt haben. Können sie bei etwaigen Kontrollen im nachfolgenden Jahr 2020 diesen Nachweis nicht erbringen, müssen die Praxen mit erheblichen Einbußen rechnen.

Rechnen Sie damit, dass es künftig zu mehr Überprüfungen kommt?

Alt: Mir sind bisher noch keine Überprüfungen bekannt. Dies liegt offensichtlich daran, weil entsprechende personelle Kapazitäten bei den Krankenkassen in der Vergangenheit nicht bestanden haben. Insbesondere weil die Vergütungen in den letzten Jahren allerdings deutlich gestiegen sind, ist damit zu rechnen, dass die Kontrollen bald stattfinden werden, damit sich die Krankenkassen einen Teil der Vergütungserhöhungen wieder zurückholen können. Deshalb sollten sich Praxisinhaber nicht darauf verlassen, dass Kontrollen nicht stattfinden. Vielmehr sollte man sich absichern und im Jahre 2019 noch dafür sorgen, dass man im Jahre 2020 nicht einen Teil der Vergütung abgezogen bekommt oder kurz vor Jahresende eine ganze Reihe Fortbildungen nachholen muss, die dann vielleicht zeitlich gar nicht in den Terminkalender passen. Eventuell werden die interessanten Fortbildungen in diesem Zeitraum gar nicht angeboten oder sind bereits ausgebucht.

Für die Abgabe sogenannter Zertifikatsleistungen müssen Therapeuten über das jeweilige Zertifikat verfügen, z. B. manuelle Therapie, manuelle Lymphdrainage, Krankengymnastik auf neurophysiologischer Basis und Krankengymnastik am Gerät. Gibt es Ausnahmesituationen, in denen Therapeuten eingesetzt werden dürfen, welche nicht über das Zertifikat verfügen? 

Alt: Hier muss unterschieden werden zwischen der Behandlung von privat Versicherten und gesetzlich
Versicherten. Im Rahmen der Behandlung von privat Versicherten gibt es das System der Zertifikate nicht. Deshalb darf beispielsweise ein Rezept für manuelle Therapie auch von einem Therapeuten abgearbeitet werden, der nicht über das Zertifikat für die manuelle Therapie verfügt. Problematisch ist es jedoch in einem Haftungsfall. Wenn es zu einem Behandlungsfehler kommt oder ein solcher zumindest dem Therapeuten vorgeworfen wird, was leider immer häufiger passiert, muss der The-rapeut nachweisen können, dass er die Behandlung sicher beherrscht. Ein Richter wird sich dann üblicherweise erkundigen, ob es eine Standardqualifikation gibt, die der Therapeut üblicherweise hat, wenn er die spezielle Behandlung abgibt. Er wird dann schnell herausfinden, dass es sich um den Zertifikatskurs der manuellen Therapie handelt. Sofern der Therapeut dann ein Wissen nicht vorweisen kann, das den Inhalten des Zertifikatskurses entspricht, muss er damit rechnen, dass das Gericht ihm unterstellt, er beherrsche die Behandlungsmethode nicht sicher. Dann wird ein Haftungsfall festgestellt. In einem derartigen Fall kann es sogar geschehen, dass die Berufshaftpflichtversicherung nicht einspringt. Deshalb sollte man auch im Privatbehandlungsbereich darauf achten, über eine ausreichende Qualifikation zu verfügen. Im Rahmen der Behandlung von gesetzlich Versicherten ist es absolut ausgeschlossen, dass eine Zertifikatsleistung durch einen nicht dafür qualifizierten Therapeu-ten abgegeben werden darf. Hier gibt es keine Ausnahmen. In unserer Kanzlei bearbeiten wir immer wieder Mandate zu genau diesem Thema. Es kommt nicht selten zu erheblichen Rückfor-derungsansprüchen der Krankenkassen oder sogar zu Strafverfahren bis hin zum Entzug der Berufszulassung. Dies muss nicht sein. In den Verträgen zwischen den Praxen und den gesetzlichen Krankenkassen ist eindeutig geregelt, dass Zertifikatsleistungen nur von einem entsprechend qualifizierten Therapeuten abgegeben werden dürfen. Andernfalls handelt es sich im Falle der Abrechnung dieser von einem nicht qualifizierten Therapeuten abgegebenen Leistung um einen Betrug. Sobald die Krankenkasse dies erfährt, darf sie die vollständige Vergütung zurückfordern und kann darüber hinaus eine Vertragsstrafe von bis zu 50.000 Euro festgelegn. Auch kann es zu einem Strafver-fahren oder verwaltungsrechtlichen Verfahren kommen. Sollte doch ein entsprechender Verstoß vorkommen und auffallen, muss man sich unbedingt qualifiziert rechtsanwaltlich vertreten lassen, weil die Vorwürfe häufig über das hinausgehen, was tatsächlich geschehen ist. 

Worauf sollten Physiotherapeuten im Rahmen von Fortbildungen Ihrer Meinung nach noch achten?

Alt: Ich empfehle Arbeitgebern zusätzlich, darüber nachzudenken, Arbeitnehmern einen finanziellen Zuschuss zu Fortbildungen zu gewähren. Um sich die Leistungen des Arbeitnehmers auf Dauer zu sichern oder eine Rückzahlung des Zuschusses fordern zu können, falls der Arbeitnehmer kurzfristig kündigt, sollte man dringend eine Fortbildungsvereinbarung abschließen. In dieser muss für jede einzelne Fortbildung gesondert geregelt werden, unter welchen Umständen eine Rückforderung der Bezuschussung für die Fortbildung möglich ist. Hier müssen genau die Fortbildung und die Forderungshöhe genannt werden. Es muss eine Abschmelzungsregelung geben, sodass der Arbeit-nehmer für jeden Monat, den er nach Abschluss der Fortbildung im Betrieb bleibt, weniger zurückzahlen muss. Die maximale Bindungsdauer dürfte nach derzeitigem Rechtsstand bei 2 bis 3 Jahren liegen – abhängig von der Dauer der Fortbildung. Bei langen Fortbildungen wie der manuellen Therapie dürfte eventuell noch eine Rückforderungsdauer von 3 Jahren denkbar sein. Sicherer fährt man mit 2 Jahren. Bei kürzeren Fortbildungen wie der manuellen Lymphdrainage wird eine Bindung des Arbeitnehmers schwerlich über 1 Jahr denkbar sein. Das Bundes-arbeitsgericht hat hier strenge Vorgaben gemacht. Allgemeine Regelungen zu einer Rückforderung im Arbeitsvertrag sind übrigens im Regelfall unwirksam. Praxisinhaber, die also Mitarbeiter zu Fortbildungen motivieren und sich daran beteiligen wollen, sollten daher klare Verhältnisse für beide Seiten schaffen. Ich empfehle Therapeuten zudem, ab und an über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und sich mit anderen Themen auseinanderzusetzen. Dies kann z. B. der wirtschaftliche Betrieb einer Praxis sein oder das Thema Abrechnungbetrug, welchen man dringend vermeiden sollte. Immer mehr Praxen sind von Regressen betroffen. Zwar sind wir gerne für Therapeuten da, um diese bestmöglich zu unterstützen. Am besten kommt es jedoch gar nicht zu entsprechenden Regressverfahren. Deshalb sollten sich Praxen hier gut aufstellen und sowohl Inhaber als auch Mitarbeiter sollten die notwendigen Fortbildungen absolvieren.

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